
Gießner Allgemeine 13. März 2010

Giesner Allgemeine 25. Oktober 2009
Gießener Allgemeine 26. Septmber 2009
Das jüdische Ostend
Journal Frankfurt Nils
Bremer, 6. 4. 2009 ·
Nur noch wenige Spuren jüdischen
Lebens finden sich im Frankfurter Ostend. Dabei war dieser Stadtteil
einst von dieser Kultur tief geprägt. Die Geschichte kulminiert am
Börneplatz, heute eine Gedenkstätte für die 11.134 im Holocaust
ermordeten Frankfurter Juden. Gestern erinnerte Stadtführer Christian
Setzepfandt bei einer vom Journal Frankfurt organisierten Führung
durchs Ostend an den Oberbürgermeister Wolfram Brück, der nach Kräften
die Bauarbeiten fortführen wollte, die am Börneplatz Reste des alten
jüdischen Ghettos zu Tage gefördert hatten. Dabei verband sich mit dem
Ort noch größere Bedeutung: bis zu den Pogromen am 9. November 1938
stand dort die Börneplatzsynagoge der israelitischen Gemeinde. Und von
1462 bis 1796 stand hier die Judengasse, die sich durchs Ghetto zog,
nach der Öffnung als Börnestraße aber bestimmend für das jüdische
Leben in Frankfurt blieb. Der von den Nazis eingeführte Name
Dominikanerplatz wurde erst 1978 wieder abgeschafft. “Das war in der
Bundesrepublik nichts ungewöhnliches - und erst recht nicht in
Frankfurt”, so Setzepfandt. Wir gehen weiter, einige Schritte zum
Theaterhaus in der Schützenstraße.
Das Gebäude ist eines der wenigen
erhaltenen Gebäude, der einst so reichhaltigen jüdischen Kultur: “Hier
befand sich einst eine Matzen-Fabrik”, so Setzepfandt. Wusste keiner,
wieder was gelernt. Setzepfandt erzählt auch, dass früher an einigen
Schneidereien das Schild stand: “Koschere Kleidung”, also keine
verschiedenen Fäden miteinander verwoben wurden. Und einige Barbiere
warben mit dem Slogan “Hier wird gezwickt.” Weil sich Strenggläubige
die Bartstoppeln gerne ausreißen ließen. Schmerzhaftes Stöhnen im
Auditorium. Aber auch die Feststellung: das machen Frauen heutzutage
ja auch an anderen Körperregionen - mit Epiliergeräten und Heißwachs.

Schließlich der Blick vom
Paul-Arnsberg-Platz auf die Großmarkthalle und damit die Erinnerung an
die Judendeportationen, die von dort in die Konzentrationslager
führten. Ein Gebäude, das einst gebaut wurde, um das rasante
Bevölkerungswachstum zu begleiten, das Frankfurt erfasst hatte, wurde
zum Symbol für die Judenverfolgungen in Frankfurt, die die Gestapo
mithilfe der Mitgliederliste der Jüdischen Gemeinde vornahm - und wird
bald zum Symbol für die europäische Einigung, dann nämlich, wenn die
Europäische Zentralbank dort ihr Hauptgebäude errichtet hat (noch
sucht sie allerdings nach potenten Bauunternehmen für das
Unterfangen). Ein Haus, in dem an die Geschichte der Judenverfolgung
erinnert werden soll, ist auf dem Gelände auch geplant. Darüber und
über die vielfältige jüdische Kultur wurde zum Schluss gegenüber der
Großmarkthalle in der “Frankfurter Küche” diskutiert. So gering die
Spuren auch sein mögen, ihre Geschichte lebte an diesem Sonntag fort.
Beachten Sie auch unser
Wochenthema zur Reportage
“Juden in Frankfurt”.
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Den Baustellenführer begeistert vor allem das „Café Heimat“
Von Andreas Haupt
Innenstadt. Frankfurt und seine Baustellen. „Wer ein paar Tage lang nicht in
der City ist, dem fehlen sie geradezu“, sagt Christian Setzepfandt leicht
ironisch. Der Stadtführer kennt seine Heimatstadt so gut wie seine
Westentasche. Nicht nur die bewegte Geschichte gehört für ihn dazu, auch die
Orte, an denen Neues entsteht, interessieren ihn. Deshalb hat er für die
evangelische St. Paulsgemeinde unter dem Motto „Urlaub ohne Koffer“ einen
Baustellen-Rundgang durch die Innenstadt angeboten.
Wo heute das technische Rathaus steht, soll etwa die Altstadt wieder zum
Leben erweckt werden: „Diese war natürlich viel größer als die 50 Häuser,
die neu gebaut werden sollen“, erläutert Setzepfandt. „Mit 2500 Gebäuden
hatte Frankfurt einst Deutschlands größte Fachwerk-Altstadt.“ Frische Luft
hätten früher die großen Ost-West-Achsen in die Stadt gebracht. „Dazwischen
gab es viele kleine Wege und Durchschlupfe zwischen den Häusern“ –
Abkürzungen, an die heute höchstens Rundbogen über einem Hofeingang
erinnerten.
Einige Durchschlupfe gibt es aber noch: etwa den, der seitlich des Eingangs
zum Kulturverein beginnt. Er führt durch einen neugotischen Gang, vorbei am
alten Gesundheitsamt, hinein in den Hinterhof, wo noch ein Torbogen des
Nürnberger Hofes steht.
Die erste Baustelle erläutert Setzepfandt an der Zeil: das Bienenkorbhaus.
Dieses werde zwar stehen bleiben, solle aber filigraner werden. Bereits
verschwunden sei der Anbau, der größer wieder errichtet werden solle. „Heute
sind 60 Meter Höhe nichts Besonderes, beim Bau 1956 war das anders“,
erläutert Setzepfandt. Der erste Hochhausrahmenplan sei 1950 entstanden.
„Mit Hochhäusern entlang der Wallanlage.“ Zu ihnen habe das Zürich-Hochhaus
neben der Alten Oper gezählt, das inzwischen abgerissen sei. Doch auch in
der City seien Hochhäuser entstanden: etwa das Bienenkorbhaus. „Seinen Namen
bekam es, weil das Zeichen der Sparkasse 1822 der Bienenkorb war.“
Ein paar Meter weiter, auf der Nordseite der Zeil, weist Setzepfandt auf das
kunterbunte Pflaster. Hier, erklärt er, erprobe die Stadt verschiedene
Pflaster für die Neugestaltung der Zeil. Die Pavillons würden verschwinden
und durch neue ersetzt. Die meisten der 360 Platanen sollten erhalten
bleiben. „Nur an den Querstraßen wurden sie entfernt.“ Mit 60 000 Menschen
pro Stunde und von drei Prozent Anteil am Umsatz aller deutschen
Einzelhändler sei die Zeil die umsatzstärkste Einkaufsstraße des Landes.
„Bald sieht sie wieder so aus, wie es ihrer Bedeutung entspricht“, sagt
Setzepfandt. Weiter geht’s zur Baustelle des Palais-Quartiers, der mit
960 Millionen Euro größten deutschen Innenstadt-Baustelle, wie Setzepfandt
betont. Wie überall in Frankfurt sei an dem Bau fast nichts „von der
Stange“, sondern alles speziell entworfen worden. Rechts um die Ecke, in der
Großen Eschenheimer Straße, stand früher das Turn und Taxis-Palais. „Ein
großer Barockbau mit Ehrenhof, Rotunde und großem Garten“, erzählt
Setzepfandt. Doch der Sitz des Deutschen Bundes und des
Paulskirchen-Parlaments ist im letzten Krieg ausgebrannt. Aus Beton entsteht
das historische Gebäude zurzeit neu.
Roßmarkt, der leer stehende frühere Bundesrechnungshof, Degussa-Gelände –
viele aktuelle und künftige Baustellen hat die Stadt. Setzepfandt begeistert
vor allem ein kleiner 50er-Jahre Pavillon an der Berliner Straße: das Cafe
„Heimat“. „Ein schönes Beispiel, wie man mit der Architektur jener Jahre
heute umgehen kann.“ Selbst die Messingbänder an den Fenstern wurden
vorbildgerecht erneuert.
FNP, 30.6.2008
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Journal Frankfurt Dezember 2007
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Hauptfriedhof - Von Wind, Wetter und Verwesung
VON CANAN TOPçU
Warum ist das Westend das Viertel der
Wohlhabenden? Und warum wird diese Frage auf einer Friedhofsführung erörtert?
Mit Staunen reagierten am Sonntag all jene, die Wolf-Christian Setzepfandt
zuhörten. Der Kunsthistoriker, der am Tag des Friedhofs im Auftrag des
Grünflächenamts auf dem Hauptfriedhof einen Rundgang zu Gräbern bedeutender
Persönlichkeiten anbot, lieferte auf sehr kurzweilige Weise die Antwort. Hier
die Kurzversion: Es ist historisch bedingt, hat mit Grundstückspreisen und vor
allem mit Winden und Verwesungsgeruch zutun.
Zum sechsten Mal fand auf dem Hauptfriedhof der
"Tag des Friedhofs" statt, zum wiederholten Mal stand der Rundgang mit
Setzepfandt auf dem Programm. Zweifelsohne ist der ein erfahrener
"Fremdenführer", einer, der ungeheuer geistreich zu erzählen und die Zuhörer in
den Bann ziehen kann. Noch dazu einer, der die ideale Stimme für diesen Beruf
hat. Ansonsten wären gestern gewiss etliche der zu Beginn des Rundgangs
gezählten 100 Teilnehmer nach und nach abgesprungen. Doch die meisten der
zumeist älteren Herrschaften ließen sich nicht abschrecken von Setzepfandts
Hinweis an der zweiten von zehn Stationen: "Erwarten sie keinen gemütlicher
Spaziergang über den Friedhof. Wer ein bisschen Kultur haben möchte, der muss
leider leiden."
Leiden? Wer gelitten hat, weil er trotz
Problemen beim Gehen einen flotten Schritt zulegte, um mit Setzepfandts Tempo
mitzuhalten, der wurde belohnt mit Anekdoten und Informationen über das Leben
und Sterben etwa von Ricarda Huch, Franz Adickes und Heinrich Hoffmann. Und eher
beiläufig, dafür aber sehr unterhaltsam, skizzierte Setzepfandt die Geschichte
des Hauptfriedhofs, nannte Zahlen, etwa dass dieser Totenacker 1828 eröffnet
wurde, inzwischen 70 Hektar groß ist und an die 80 000 Grabstellen hat. Jährlich
werden dort 5300 Tote bestattet. Und wer hier seine Ruhestätte haben möchte, hat
- im Gegensatz zu den vergangenen Jahren - gute Aussichten auf ein Plätzchen.
"Es werden immer mehr Teilnehmer", sagte
Setzepfandt, während er am Grab von Heinrich Hoffmann auf die Nachzügler
wartete. Dort erzählte er unter anderem vom "Affe-Staa", an dem Hoffmann die
Psychiatrisch Klinik errichtet habe, und davon, dass das auf Frankfurterisch
"durch die Nase gepetzte" Wort nichts mit Affen zutun habe, sondern mit der
katholischen Bevölkerung, die einst vor dem Toren der Stadt an einer
Marienstatue das Ave Maria betete.
Wer nicht bis zum nächsten Jahr warten möchte:
Im Internet kann unter www.kultours-frankfurt.de eine Friedhofsführung gebucht
werden.
Frankfurter
Rundschau17.09.2007
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04.05.2007 Fränkische Nachrichten
Architektur-
öffentliche Form der Kunst und Spiegelbild der Geschichte
Architektenkammergruppe Main-Tauber-Kreis
auf Exkursion in
Frankfurt am Main
Main-Tauber-Kreis/Frankfurt
Stadtreparatur,
Erlebnisraum Stadt, Stadtentwicklung – für die Bürgerinnen und Bürger einer
Stadt entscheidet die jeweilige kommunalpolitische Umsetzung dieser
Begrifflichkeiten in hohem Maße darüber, ob sie sich wohl fühlen dürfen an und
in ihrem beruflichen und privaten Lebensraum. Einwohnerzahl, Historie und
wirtschaftliche Blüte gehen dabei stets Hand in Hand mit der Architektur einer
Stadt. Die Architektenkammer Main-Tauber-Kreis nahm jetzt einen ganzen Samstag
lang das dynamische Baugeschehen Frankfurts am Main „unter die Lupe“ – nicht um
die stolzen Hochhäuser an die Tauber zu holen – sondern um aus der Dynamik
großer Baumaßnahmen zu lernen.
Praxis erklärt
jede Theorie – gemäß diesem Motto ersetzten knapp 30 Mitglieder der regionalen
Architektenkammergruppe Main-Tauber-Kreis mit ihrem Vorsitzenden Wolfgang Imhof
und auf Initiative des Tauberbischofsheimer Architekten Matthias Keller einen
fortbildenden Vortrag durch eine Tagesfahrt hinein in Frankfurts erlebnisreiche
Architekturgeschichte. Mit dem versierten Kunsthistoriker (und Buchautor des
Architekturführers über die Mainmetropole) Wolf-Christian Setzepfandt hatte die
Gruppe aus dem Taubertal einen Führer gewonnen, der enorm fachkundig, aber
ebenso angenehm feinsinnig im sprichwörtlichen Sinne Einblicke „hinter die
Fassaden“ seiner Heimatstadt gewährte.
Das zu
absolvierende „Pensum“ war gewaltig: Beginnend vom Mahnmal am Börneplatz
(ehemaliges Jüdisches Viertel), weiter zur Messe Frankfurt (die 40.000
Quadratmeter Ausstellungsfläche der gigantischen Messehalle 3 wurden vom
Londoner Architekten Nicholas Grimshaw mit der größten freitragenden
Dachkonstruktion Europas bedeckt), hinein in das mit 300 Metern höchste Gebäude
Europas, das Commerzbank-Hochhaus des Stararchitekten Sir Norman Foster.
Wertvoll hier wie dort waren für die Architekten des Main-Tauber-Kreises
natürlich nicht allein die erklärenden Ausführungen von Wolf-Christian
Setzepfandt zur jeweiligen Bau- und damit verbundenen Stadtgeschichte, sondern
Funktionsweisen und Probleme z.B. bei Brandschutz. Belüftung und
Energieeffizienz.
Wie kann der
Wandel einer ganzen Stadt hin zum Historischen, Urbanen und Prächtigen sichtbar
gelingen? Am Nachmittag legte Setzepfandt seinen Gästen diese Frage zunächst
beim Rundgang über den Römerplatz ans Herz. Den vor allen Dingen bei Touristen
aus aller Welt beliebten Fachwerk-Rekonstruktionen aus den 80er Jahren stehen
nahezu in Sichtweise die Betonfertigteile des Technischen Rathauses von 1974
gegenüber – nicht mehr lange jedoch zur sichtlichen Freude des Stadtführers:
„Über die endgültige Nutzung und Gestaltung wird zur Zeit in den städtischen
Gremien heftig diskutiert“, so Setzepfandt und hielt dabei mit dem eigenen
Insiderwissen aus der aktuellen Kommunalpolitik Frankfurts nicht hinterm Berg…
Wie die „gute Stube“ Frankfurts zu Füßen der Skyline in wenigen Jahren einmal
aussehen wird, werden sich die Architekten aus dem Main-Tauber-Kreis dann ganz
sicher wieder anschauen.
Zwei
architektonische Highlights, die nicht unterschiedlicher sein könnten, rundeten
einen wertvollen „Arbeitstag“ der ganz anderen Art ab. Zunächst der Gang durch
das ehemalige IG-Farben-Hauses: erbaut 1929 bis 1931 von Hans Poelzig, erfährt
das Areal seit 2001 als Kern des neuen Campus Westend der Johann Wolfgang
Goethe-Universität eine ideale Neubelebung. Auch im Innenbereich mit vielen
Details aus der Bauhauszeit ausgestattet, sind nach einem städtebaulichen
Wettbewerb in den nächsten Jahren gewaltige Investitionen in Baumaßnahmen für
Hörsäle, Institute usw. vorgesehen.
Der abschließende
genussvolle Blick über Frankfurt vom Dach des Helaba (Hessische Landesbank)
-Hochhauses – oder besser bekannt als „Main-Tower“- visualisierte bei bester
Fernsicht den oftmals ambivalenten Anspruch von Architektur: sie ist
unbestritten öffentliche Form der Kunst und Spiegelbild der wechselvollen
Geschichte einer Stadt zugleich.
Sabine Maier
Höchster Kreisblatt vom 31.01.2002
Frankfurter Rundschau vom 14.03.2003
Es begann in Holzbuden auf dem
Römerberg

Mit drei Führungen zu ihrer
Geschichte, Architektur und wirtschaftlichen Entwicklung will die Messe ihre
Tore für Frankfurts Bürger öffnen

Von Kathrin Hartmann


Das Gekappel um die Buchmesse ist keine wirklich neue
Situation für Frankfurt. Schon die erste ihrer Art kehrte der Stadt Mitte
des 18. Jahrhunderts den Rücken - und das nach beinahe 300 Jahren.
Frankfurt, Buch und Messe, das sind drei Dinge, die bereits im 15.
Jahrhundert zusammen gehörten. Frankfurt war seit Anfang des 16.
Jahrhunderts, als der Drucker Christian Egenolff seine Druckerei von
Straßburg an den Main verlegte, das Zentrum des Europäischen Buchdrucks.
Heute erinnert nur noch der Straßenname daran, dass zwischen dem
Leonhardskirchhof und der Braubachstraße die erste aller Buchmessen
vonstatten ging. In 20 Gewölben längs der heutigen Buchgasse wurden Bibeln,
Bücher und Rohdrucke, Stiche und Bildergeschichten und sogar Messekataloge
verkauft. Viele Frauen saßen im Gewölbe, zum Beispiel Albrechts Dürers Frau,
die seine Bilder feilbot, und Maria Sybilla Merian, die dort ihre
handkolorierten Bücher verkaufte.
Sie war ein Diskussionsforum, die Buchmesse, und mancher Schriftsteller
nannte Frankfurt das "neue Athen". Reformation und Gegenreformation, beides
fand in der Buchgasse statt. Wenn auch viele Bibeln unters Volk gebracht
wurden - dem Klerus wollte das intellektuelle Treiben nicht gefallen. Die
Auflagen wurden strenger, die Atmosphäre rigider. "Und dann kam Leipzig,
sagte, hier könnt ihr machen, was ihr wollt, und die Buchmesse war weg",
weiß Christian Setzepfandt. Nun muss sich Geschichte ja nicht unbedingt
wiederholen. Auch nicht die der Frankfurter Messe. Und mit der beschäftigt
sich der Kunsthistoriker Setzepfandt, der seit 26 Jahren Führungen und
Vorträge rund um Frankfurt anbietet.
"Kultours" heißt sein Service, den nun die Messe Frankfurt nutzt. Sie bietet
drei Führungen an, in denen sich Setzepfandt mit Geschichte, Architektur und
wirtschaftlicher Entwicklung beschäftigt.
Mehr als zwei Millionen Besucher gehen im Messegelände jährlich ein und aus,
900 Mitarbeiter sind im Unternehmen beschäftigt, in zehn Hallen finden jedes
Jahr knapp 40 Messen mit rund 38 800 Ausstellern statt - das Unternehmen ist
eines der größten und bedeutendsten der Stadt. Deshalb will die Messe
künftig ein Mal im Monat die Tore für interessierte Frankfurter Bürger
öffnen.
Denn die Geschichte der Messe, im Jahr 1150 erstmals erwähnt, ist naturgemäß
auch ein großes Stück Frankfurter Geschichte: Der heutige
Wirtschaftsstandort mit seinen Großbanken, das Handelszentrum und die
Messestadt haben ihre Wurzeln im kaufmännischen Treiben des Mittelalters.
"Eine durchgängig wichtige und historische Institution, die in Frankfurt
erhalten geblieben ist", leitet Setzepfandt die Führung ein, die auf dem
Römerberg beginnt, der vom Mittelalter an zwei Mal im Jahr mit Holzbuden
übersät war.
Die Kaufleute verteilten sich in der ganzen Altstadt, durch die der
Kunsthistoriker etwa zwei Stunden führt. Da gibt es die Neue Kräme, auf der
Haushaltswaren und Gewürze feil geboten wurden, die Römerhallen, in der es
Wertvolles wie Juwelen, edle Stoffe wie Seide und Brokat und im 18.
Jahrhundert Porzellan zu erstehen gab oder das Leinwandhaus, eines der
ältesten Gebäude der Stadt, das ganz aus Stein gebaut wurde, in dem
wertvolles Leinen hergestellt und verkauft wurde.
Auch die Wurzel aller Banken, ein Bretterverschlag vor der Alten
Nikolaikirche, worin einer die Währung aus aller Welt wechselte, gehört zu
den Errungenschaften der Messe. Allerdings ist von der historischen Messe
wenig übrig geblieben. Ein Abstecher ins Historische Museum macht deutlich,
welcher Trubel auf Frankfurts Straßen und Plätzen zu Messezeiten herrschte.
Etwa am Hafen, der sich einst am Leonhardstor befand. Das berühmte Gemälde
von Friedrich-Wilhelm Hirt aus dem Jahr 1757 veranschaulicht die Bedeutung
des Ortes, an dem Straßen und Wasserweg zusammenliefen.
Heute ist die Messe mit ihrer 470 000 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche
beinahe ein Stadtteil, der zu Messezeiten wie damals ganz Frankfurt
beherrscht. Heute wie damals profitiert die ganze Stadt davon. Und heute wie
damals stellte die Messe, die von jeher international geprägt war, so
Setzepfandt, "eine Brücke zwischen den Völkern" dar.
Copyright © Frankfurter Rundschau
2003
Portrait FR
Klar Schiff
im Job und im eigenen Leben
Seit 25
Jahren nimmt der Kulturhistoriker Christian Setzepfandt seine "Gäste" auf und
führt sie durch Frankfurt
VON ANNE
LORENC
Du liebe
Zeit, ist dieser Mann aufgeräumt! Mit weit ausholender Geste bittet Christian
Setzepfandt den Besuch in seine Wohnung und schlägt sofort vor, sein "Schloss"
zu besichtigen. So, wie er es mit seinem erweiterten Wohnzimmer, der Stadt
Frankfurt tut. Der 46-jährige Kulturhistoriker ist seit einen
Vierteljahrhundert Gästeführer und zeigt Frankfurt-Besuchern seine Stadt und
die Region. Mit Schwerpunkt Wirtschaft, Goethe, Architektur, Homosexualität,
Messe, Höchster Altstadt und Porzellanmanufaktur, aber auch Museen oder was
den Besuchern immer am Herzen liegt. Wahlweise in Deutsch oder Englisch.
An diesem Nachmittag also präsentiert Setzepfandt Setzepfandt in seiner
Vier-Zimmer-Wohnung im Nordend. Hell und großzügig, sparsam, aber
gediegen-geschmackvoll möbliert und geradezu unglaublich aufgeräumt. Wände
voller Bücher und Kassetten im Arbeitszimmer, Klar Schiff auf dem
Schreibtisch, eine Wand voller Langspielplatten im Schlafzimmer, das
Wohnzimmer minimalistisch ausgestattet, üppiges Grün auf dem Balkon, der für
das Auge jenseits der Straße nahtlos in den Bethmannpark übergeht. Er habe,
sagt er, den bestgepflegten Vorgarten der Stadt. Morgens ab 6 Uhr seien im
Sommer die Gärtner schon zugange. Er kennt manche mit Vornamen und spricht
voller Respekt von ihrem Fleiß und ihrem Können. Profitum verbindet.
Lieblingsraum: Abstellkammer
Im Vorbeigehen öffnet Setzepfandt kurz die Tür zu seinem "Lieblingsraum":
Einer kleinen Abstellkammer - ordentlich mit Regalen versehen und ohne
sichtbares Gerümpel. "Sehr praktisch so etwas - hier lässt sich alles
unterbringen, was man nicht rumliegen haben will." Christian Setzepfandt, die
personifizierte Multifunktionalität als Gäste- und Städteführer, Referent,
Sachbuchautor und Mitglied im Vorstand der Aidshilfe Frankfurt, könnte Vorbild
sein für jedes Buch über das Feng Shui des Wegwerfens.
Der 46-Jährige hat nicht gerne etwas rumliegen. Was er aus seiner Kindheit
erzählt, wirkt ebenfalls aufgeräumt: reflektiert, bearbeitet und abgelegt. Der
"emotional schwierige" Vater, ein Architekt: "Streng, neurotisch und
verklemmt." Die Mutter, aus Sachsen stammend, durch ein großzügiges Elternhaus
geprägt, ein "liberales Kind der Weimarer Republik", belesen und weltoffen.
Die Kindheit im Frankfurter Westend. Zunächst unter familiärer Spannung, ab
1966, der Trennung der Eltern, "war Ruhe im Karton". Die Mutter geht arbeiten,
der Junge erobert sich sein Umfeld. Es ist die Zeit der Spekulanten und
Hausbesetzungen. "Als Zehnjähriger bin ich durch die Demos gerollert," sagt
Setzepfandt. Cohn-Bendit, die "oberlinke WG in der Niedenau", das war eine
Hälfte seines Kosmos. Die andere: "Es war damals sehr heimatlich dort - jeder
kannte jeden, es gab schöne alte Häuser - das war Stadt und doch Zuhause."
1975 Abitur am damaligen Gymnasium Bockenheim Süd ("ein linkes Nest"), heute
Max-Beckmann-Schule. "Ich hatte so zwei, drei sehr gute Jahre da," erinnert
sich der Gästeführer.
Großstadtfeeling und heimatliches Gefühl eines Frankfurters erhalten sich auch
über die Studienzeit. Er studiert erst "verschiedene Sachen, dann
Kunstgeschichte", dazu Architektur - parallel "studierte ich die Frankfurter
Geschichte durch Rumstreifen durch die Stadt." Der Student musste nebenbei
jobben, und schon mit Anfang 20 stieg er beim Verkehrsverein der Stadt ein als
Stadtführer. Er begleitete ehemalige Frankfurter jüdischen Glaubens, die auf
Einladung der Kommune in die alte Heimat kamen. Er führte Hausfrauen,
Architekten und Touristen. Wurde irgendwann "Hausführer" der Höchster
Porzellanmanufaktur und Gästebetreuer der Messe Frankfurt, spezialisierte
sich. Diese Arbeit ("nicht immer wieder der gleiche Kram") erfreut ihn bis
heute - als Freiberufler. "Ich bin der große Schwätzer" sagt Setzepfandt von
sich. Was heißen soll: "Ich kann gut vermitteln und Themen rüberbringen."
Aufgeräumt präsentiert sich der Frankfurter auch in seiner Homosexualität.
Probleme habe er damit seit Jugendzeiten nie gehabt. "Ich habe da eine
Offenheit, das macht den Umgang leichter", sagt er von sich. Und: "Ich war nie
erpressbar." Dies könne nur geschehen, wenn man "im Schrank sitzt", sich also
versteckt. In den siebziger Jahren war Setzepfandt dabei, als in Frankfurt das
erste Schwulenzentrum gegründet wurde. "Erst wurde auf den Putz gehauen, dann
kam die Psycho-Gruppe, dann die Beziehung."
Er sei auch nie Opfer gewesen, sagt der Frankfurter. Glücklicherweise, denn er
habe erst als gut 30-Jähriger gelernt, auch mal auf die Harmonie zu pfeifen
und laut zu streiten. Die fehlende Gerümpel in der Psyche macht ihn
unangreifbar selbst bei den jungen Ausländern in seinem Fitness-Studio, wo er
mehrmals die Woche trainiert." Die hätten natürlich ein Problem mit
Homosexuellen. Zunächst imponierten die Muskeln, später die Offenheit im
Gespräch.
Vor sechs Jahren beschloss Setzepfandt, etwas für die relativ kleine
Frankfurter Schwulen-Szene, "für die Community", zu tun. Nach außen gehen,
"für Leute eintreten". Er engagierte sich in der Aidshilfe. Zum Glück
genehmigt ihm die Arbeit als Gästeführer so viel Flexibilität, dass er auf
vielen Hochzeiten tanzen kann. Hilfe bei der Organisation des Christopher
Street Day, das Bühnenprogramm beim "Lauf für mehr Zeit. oder, ganz aktuell,
Vorbereitung des Welt-Aids-Tags am 1. Dezember und der Gedenkfeier in der
Paulskirche. Aber auch Lebenspraxis: Beratung, Öffentlichkeitsarbeit, Konzepte
für Präventionsarbeit, Überzeugungsarbeit im Café Switchboard bei den "Kids",
denen "die Kondome wurscht sind" und die Plakate der Aids-Hilfe nicht mal
ansehen. Einmal monatlich Vorträge zu Gesundheitsthemen mit Wissenschaftlern
und Betroffenen: "HIV-ler müssen medizinisch kompetent sein, um nicht zu
Äffchen der Ärzte zu werden." Nach wie vor ein bedrückendes Thema sei Gewalt
gegen Schwule. "Das ist erschütternd. "Setzepfandt sitzt außerdem mit am runden
"Kulturtisch".
Schon seit 15
Jahren bietet Setzepfandt "Schwule Stadtführungen" an. "Die Themen liegen
nicht auf der Straße, da muss man viel recherchieren." Quellen sind die
Gesellschafts- und die Rechtsgeschichte. Da gab es im 18. Jahrhundert die
Hinrichtung eines Frisörs wegen Knabenmord, der Giftmord an Anselm Feuerbach
1833, Seit einigen Jahren gibt es die Rundgänge "Aids in Frankfurt" mit
Anlaufstellen wie das Aids-Memorial, die Betreuungsstellen rund um die
Berliner Straße, Uni-Klinik oder die Aids-Forschung im Paul-Ehrlich Institut.
Keine
Lebenszeit zu verschenken
Setzepfandt arbeitet mit der Dynamik eines Menschen, der zwei
lebensbedrohliche Erkrankungen überstanden und gelernt hat, zu strukturieren,
keine Lebenszeit zu verschenken. Deshalb gibt es auch noch den Sachbuchautor,
den Vortragsredner, den Zeitschriftenautor, der unter anderem eine achtteilige
Reihe über die Frankfurter Schwulen-Szene geschrieben hat. Um 6 Uhr stehe er
auf, um 6.30 Uhr gibt es Frühstück mit Müsli, Tageszeitung und dem Blick auf
die Baumwipfel des Bethmann-Parks. Der Beruf erlaube einen Tagesablauf, der
Luft lasse für Begegnungen mit Menschen. Der 46-Jährige ist ein Netzwerk-Fan,
der den Austausch braucht. "Ich bin kein Außenseiter." Deshalb findet er "das
Nordend toll: Hier muss man nur auf die Straße gehen - ich treffe immer
jemanden." Die Zahl der Bekannten ist Legion, die der engen Freunde lässt
sich, abgesehen vom Lebensgefährten, an einer halben Hand abzählen. Die Grenze
ist so fein gezogen, dass sie auf Anhieb nicht auszumachen ist. So hält es
Setzepfandt auch mit seinen Kunden. Er weigert sich, die Frankfurt-Besucher
"Fremde" zu nennen. Als Gäste nimmt er sie auf, erschließt ihnen Stadt und
Umland. In zuträglichen Portionen, sachkundig - und wohl geordnet.
Christian Setzepfandt - der erste Taufname "Wolf" taucht nur sporadisch in
seinen Veröffentlichungen auf - wurde 1957 in Frankfurt geboren und wuchs im
Westend auf. Als Kind erkundete er sein Viertel, als Student (Kunstgeschichte,
Architektur) die gesamte Stadt. Ihre Sehenswürdigkeiten und Besonderheiten
erschließt er seit mittlerweile 25 Jahren als Stadt- und Gästeführer. Was als
Studentenjob begann, entfaltete sich zu einer freiberuflichen
Existenzgrundlage. Ob Architektur der Messehallen, Besucherbetreuung in der
Höchster Prozellanmanufaktur oder Gourmet-Exkursionen ins Umland: Dem Ein-Mann
Betrieb "Kultours" (www.kultours-frankfurt.de)
wachsen immer neue Ideen zu. Erfolg hat Setzepfandt, der sich seit sechs
Jahren zudem für die Frankfurter Homosexuellen-"Community" einsetzt, auch als
Sachbuchautor. Sein "Architekturführer Frankfurt" geht in die dritte Auflage,
und Anfang Dezember erscheint im Wartberg-Verlag der Bildband "Geheimnisvolles
Frankfurt" abi
Frankfurt – aber nicht auf
ausgetretenen Trampelpfaden
Wolf-Christian Setzepfandt
begleitet seit vielen Jahren Besucher zu bekannten und unbekannten
Sehenswürdigkeiten in der Stadt
Lange bevor die seltsame Wortschöpfung
„Ich-AG“ hierzulande in Mode kam, hatte Wolf-Christian Setzepfandt sie für
sich selbst schon realisiert. Seit mehr als 25 Jahren nämlich arbeitet der
Kunsthistoriker sozusagen als selbständiger Unternehmer. Als Stadtführer,
Gästebetreuer, Buchautor und in einigen weiteren Funktionen. Begonnen hatte er
damit bereits während des Studiums und sich - „finanziell nicht eben üppig
ausgestattet“ - nebenher beim Frankfurter Verkehrsverein zum Gästeführer
ausbilden lassen.
Seine
schnuckelig eingerichtete Nordend-Wohnung mit zauberhaftem Blick auf den nahen
chinesischen Garten ist also Büro und Zuhause zugleich. Alte Möbel, Bilder,
eine blühende Kamelie und allerhand liebevoll zusammen- getragene Sachen
verraten die Neigung zu schönen Dingen, vielleicht ererbt vom Vater, der
Architekt war. Wenn er von seinen Eltern spricht, dann klingt das beinahe wie
bei Goethe, der des „Vaters Statur“ und „Mütterchens Frohnatur“ unterschied.
Weltoffen, sprachgewandt und belesen sei seine Mutter, heute hoch in den
Achtzigern, immer gewesen. „Wie mein Vater habe ich allerdings nie leben
wollen“, erinnert sich Setzepfandt, mit all dem Stress und den Schwierigkeiten
des Selbständigen. Aber dann ist es doch so gekommen, und das scheint auch gut
so.
Frankfurter
ist er von Geburt und eigentlich ein „Westend-Kind“. An die wilden Jahre der
Studentendemos kann er sich noch erinnern, obgleich er damals gerade mal zehn
war. Zu jung für die legendären Tortenschlachten im Café Laumer, aber dass
schräg gegenüber der Daniel Cohn-Bendit wohnte, dass sich das vertraute Umfeld
durch Häuserspekulation und Abrisse mehr und mehr veränderte, war ihm durchaus
schon bewusst.
„Ein
aufmüpfiger Schüler“ sei er gewesen, ein neugieriger Mensch nach wie vor, ein
„Schwätzer“ zudem, der gern „was rüber bringt“. Wie geschaffen mithin für das,
was er gern tut und womit er seinen Lebensunterhalt verdient. Was er nicht
mag, sind „die ausgetretenen Trampelpfade“. Natürlich, gibt er zu, müssen
Römerberg und Paulskirche für Frankfurt-Neulinge im Programm stehen. Aber: „Es
gibt so viel anderes Spannende in dieser Stadt.“ Ein Teil davon fand seinen
Niederschlag in Setzepfandts Anfang des vorigen Jahres erschienenen Buch
„Geheimnisvolles Frankfurt“, in dem er mit dem Heimatdichter und Demokraten
Friedrich Stoltze durch seine Vaterstadt streift und deren Sehenswürdigkeiten
und Merkwürdigkeiten augenzwinkernd, kritisch und wohlwollend vorstellt und
kommentiert.
Frankfurter Kriminalfälle und Rechtsgeschichte, Frauen, Hinterhöfe,
Stadtteile und der Hauptfriedhof gehören zu seinen Sightseeing-Angeboten.
Mehrfach begleitete er jüdische Besucher, die auf Einladung der Stadt in ihre
frühere Heimat kamen, an Stätten ihrer Kindheit und Jugend und hat dabei
manches Mal sehr bewegende Momente erlebt. Dass er seine Heimat liebt, glaubt
man ihm gern. Selbst als Christian Setzepfandt Ende der 70er mal für
zweieinhalb Jahre in San Francisco lebte, ließ er sich regelmäßig Apfelwein
aus Frankfurt schicken, um „ein Stück Zuhause“ zu haben. Und seine
amerikanischen Freunde verwöhnte (oder erschreckte?) er gelegentlich mit
Sauerbraten und Rotkohl.
So passt es
gut, dass er Fremden nahe bringen kann, was ihm selbst am Herzen liegt.
Architekturführungen mag er besonders gern, macht Interessierte mit der Arbeit
der Höchster Porzellanmanufaktur bekannt oder erläutert bei Rundgängen über
die Frankfurter Messe deren Geschichte und Entwicklung. So an die 250
Führungen gibt es pro Jahr. „Das geht nicht ohne feste Struktur und eine
gewisse Ordnung“, hat der passionierte Teetrinker erkannt. Wie zur
Studentenzeit bis mittags ein Uhr im Bett zu liegen und die Nacht zum Tag zu
machen lässt sich nicht mit einer noch so flexiblen Arbeitszeit koordinieren.
Trotzdem ist es eine saisonale Sache mit flauen und mit lebhaften Zeiten.
Die
letzten drei Monate des vergangenen Jahres allerdings gehörten zu seinen
fleißigsten. Da war die dritte Auflage seines Frankfurter
„Architekturführers“, die er auch selbst ins Englische übersetzt hat, zu
überarbeiten. Da schrieb er weiter an der Geschichte der Messe ab 1945.
Überdies plant er ein Buch über die „Geschichte des schwulen Frankfurt“. Das
nämlich ist ebenfalls ein Thema, mit dem er sich intensiv beschäftigt. Gleich
beim Eintritt in Setzepfandts Wohnung fällt ein Plakat der Aids-Hilfe ins
Auge. Dort engagiert er sich mit vielerlei Aktivitäten, etwa bei der
Vorbereitung von Veranstaltungen, in der Öffentlichkeitsarbeit oder bei
Vorträgen, denn er möchte ganz allgemein beitragen zur Aufklärung in Bezug
auf eine von vielen Menschen noch immer weitgehend verdrängte Problematik. Für
sich selbst betreibt Wolf-Christian Setzepfandt regelmäßig Kraftsport, kocht
gern und liebt Spaziergänge im Nizza am Main. Ein Frankfurt-Fan eben. Lore
Kämper
Zur Person
"Geheimnisvolles Frankfurt" ist der Titel des
Stadtführers,
den Christian Setzepfandt soeben im Wartberg Vertag veröffentlicht hat. Der
Band kennzeichnet die Art und Weise, wie Setzepfandt seine Führungen
gestattet: nach thematischen Gesichtspunkten außerhalb des Üblichen
Rundfährtenprogramms. Geboren wurde er am 26. Mai 1957 in Frankfurt. Nach dem
Abitur folgten zunächst das Studium von Mode-Design in Kasse[, später an der
Universität Frankfurt Englisch und Kunstgeschichte. Noch während der
Studentenzeit ließ sich Setzepfandt beim Frankfurter Verkehrsverein zum
Gästeführer ausbilden. 1978/79 verbrachte er zum Zweck weiterer Sprachstudien
rund zwei Jahre in San Francisco/USA. Als erste Veröffentlichung erschien
.1992 der "Architekturführer Frankfurt am Main". Christian Setzepfandt hat
während seines bisherigen Berufslebens nie In einem Angestelltenverhältnis,
sondern immer frei gearbeitet. lk
Aus "Die Städtische" Nr. 1 Februar 2004
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12.03.04
Vom Brückenbau und von steinigen Wegen
Wie jüdische Schwule und Lesben aus Los Angeles
Frankfurter Geschichte und Gegenwart erleben / "Ganz ähnlich wie bei uns"
"Ich vermute, sie haben mehr gearbeitet als alle anderen", zischt die Frau mit
grell pinkem Schal um den Hals, und alle lachen. Stadtführer Christian Setzepfandt
hat gerade erklärt, daß es während der NS-Diktatur in einem
Konzentrationslager auch einen lesbischen Block gab. Dick eingemummt steht die
Gruppe - 18 jüdische Schwule und Lesben aus Los Angeles - am Kettenhofweg und
blickt auf das ehemalige Frankfurter Hauptquartier der Gestapo. Homosexuelle
seien damals häufig in öffentlichen Toiletten verhaftet worden, erläutert Setzepfandt - ähnlich wie vor einigen Jahren der
Popsänger George Michael.
Die Gäste, Mitglieder einer seit 1972 bestehenden, etwa 200 Mitglieder starken
Reformgemeinde, sind auf Einladung der "Bridge of Understanding" in
Deutschland. Dieser Verein versucht seit 1995, amerikanischen Juden ein Bild
des modernen Deutschland zu vermitteln. Der 42 Jahre alte Jeff Birnhardt war
auf diesem Wege schon einmal in Frankfurt und stellte den Kontakt zum "Haus
des neuen Lebens" her - einer kalifornischen Synagoge, in der sich vor allem
Homosexuelle treffen. Setzepfandt,
Vorstandsmitglied der Aids-Hilfe, ist als Experte sowohl des jüdischen als
auch des homosexuellen Frankfurt geradezu prädestiniert als Begleiter.
Jüdische Homosexuelle aus Amerika in Deutschland - es liegt auf der Hand, daß
es dabei um Vorurteile und im günstigsten Fall um ihren Abbau geht. Birnhardt
hat bisher für ihn überraschend positive Erfahrungen gemacht. Er habe eher
eine "Einbahnstraße" erwartet, aber es sei tatsächlich eine "Brücke". So
konnte er im Gespräch mit jungen Deutschen klarstellen, daß viele Amerikaner
keineswegs eine kriegslüsterne Politik befürworten.
Was die Erfahrungen als Homosexuelle angeht, ist die Verständigung ohnehin
relativ unkompliziert. Mag die Bewegung der Schwulen und Lesben in den
Vereinigten Staaten auch politisch einflußreicher sein als hierzulande, teilt
man diesseits und jenseits des Atlantik doch so manches: Immer wieder ist von
den Besuchern ein "ganz ähnlich wie bei uns" zu hören - etwa als Setzepfandt vor dem Dietrich-Bonhoeffer-Haus vom
politischen Aufbruch in den frühen siebziger Jahren erzählt. Inzwischen feiert
sich die Bewegung auf ganz kommerzielle Weise beim alljährlichen "Christopher
Street Day". Daß der auch in Deutschland ein echtes Spektakel ist, findet
Rabbinerin Lisa Edwards "faszinierend".
Daß der Brückenbau indes bereits lange vor möglichen Dialogen beginnen muß,
illustriert das Beispiel Robin Baltic. Unvorstellbar war es für sie,
Deutschland zu besuchen, niemals hatte sie Produkte "Made in Germany" gekauft,
bis sie "Der Vorleser" von Bernhard Schlink las. Die heute
Siebenundfünfzigjährige lernte in der Erzählung eine junge Generation kennen,
die Fragen über die NS-Zeit stellte, begriff, daß ein Prozeß der Reflexion
über die Verbrechen der Vergangenheit eingesetzt hatte, und stellte eigene
Vorurteile in Frage.
Die meisten der Gäste sind mittlerweile der Ansicht, daß die
Auseinandersetzung mit dem Holocaust Deutschland vorangebracht habe. In
Amerika fehle das: "Wir leugnen alles", sagt Baltic über die Erinnerung an die
Sklaverei. David Pinchas ist aufgefallen, daß in den Straßen Frankfurts im
Gegensatz zu seiner Heimatstadt kaum Armut zu sehen ist. In mancherlei
Hinsicht sei man in Europa inzwischen progressiver als in den Vereinigten
Staaten, glaubt er - und nennt die Schwulenehe als Beispiel.
Der Weg zu dieser von Pinchas so wahrgenommenen deutschen Liberalität war
freilich steinig und gleicht in der Rückschau einem kaum entwirrbaren
Labyrinth: So berichtet der Stadtführer seinen aufmerksamen Zuhörern auf der
Freßgass' vom Sexualforscher Hans Giese, der dort 1948 das Wissenschaftliche
Humanitäre Komitee gründete. Giese gestaltete 1957 auch den ersten Film mit,
der in der Bundesrepublik mit dem Tabu Homosexualität brach. Regie führte bei
"Anders als du und ich" niemand anderes als Veit Harlan, im "Dritten Reich"
verantwortlich für "Jud Süß", den berüchtigtsten aller Propagandastreifen.
WERNER KURZLECHNER
Alle Rechte vorbehalten. (c) F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12.03.04
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Frankfurt
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Frankfurter Allgemeine
Zeitung, 05.04.2004, Nr. 81, S. 41 |
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Dolce vita zwischen Main und Nordend
Italienische Momente in Frankfurt: Auch nach 25 Jahren
als Stadtführer entdeckt Christian Setzepfandt in seiner Heimatstadt immer noch
Neues
Als Heinrich Heine einmal auf der Suche nach Ludwig Börnes Wohnung durch
Frankfurts Straßen irrte und eine Dame nach dem Weg fragte, antwortete die
ihm, wo Börne lebe, wisse sie nicht, aber wo seine Freundin wohne, das könne
sie ihm sagen. Dieses "Laisser-faire" sei es, was er an Frankfurt so liebe,
berichtet Christian
Setzepfandt. Und der Mann kennt sich aus. Als gebürtiger Frankfurter
ist er mit der Stadt eng verbunden. So eng, daß er sich regelmäßig ein paar
Flaschen Ebbelwei schicken ließ, als er einmal zwei Jahre lang in San
Francisco lebte. Ein bißchen Lokalpatriotismus gehört bei seinem Beruf aber
auch dazu: Seit rund einem Vierteljahrhundert bietet
Setzepfandt Touren durch die Mainmetropole an und führt seine Gruppen
dabei auch in die entlegeneren Ecken der Stadt.
Mit einem bunten Regenschirm oder einer Rose in der Hand eine Traube Touristen
über den Römerberg hinter sich herziehen - für den 47 Jahre alten Stadtführer
ist dies ein Horrorszenario. Doch so ähnlich hat er einmal angefangen. Während
er an der Universität Frankfurt Kunstgeschichte und Anglistik studierte, ließ Setzepfandt sich beim Verkehrsverein zum
Gästeführer ausbilden und hat zweimal täglich Fremde durch Frankfurt gelotst.
Aber das ist jetzt passé. Vor rund 25 Jahren hat er sich als Stadtführer
selbständig gemacht und die ausgetretenen Wege zu den Sehenswürdigkeiten
verlassen. Natürlich gehören der Römer und die Paulskirche weiterhin zum
Programm, aber Setzepfandt folgt nicht länger den
touristischen Trampelpfaden, sondern richtet seine Führungen thematisch aus.
Unter ihnen ist neben dem Rundgang durch "Frankfurts Hinterhöfe", dem
Streifzug zu den Stätten der Deutschen Revolution und der Tour auf den Spuren
von Frankfurter Literaten "Goethes Frankfurt" ein Klassiker. Aber seit dem
Andrang im Goethejahr 1999 nicht mehr unbedingt einer von Setzepfandts
Favoriten. Anders als das jüdische Frankfurt, durch das er kürzlich erst
wieder eine Gruppe amerikanischer Juden geführt hat. Oder der Stadtteil Höchst
mit seinen pittoresken Fachwerkbauten und der kurfürstlichen
Porzellan-Manufaktur - beides, wie Setzepfandt
findet, für jeden Frankfurt-Besucher "ein Muß". Wohin er einen Bekannten, der
zum ersten Mal nach Frankfurt kommt, führen würde? An den Main. Dort bekomme
man den besten Eindruck von der Stadt, versichert der passionierte
Spaziergänger.
Wer eine Stadt kennenlernen wolle, der müsse sie erlaufen, heißt es. Und so
erkundet Setzepfandt die Metropole am liebsten
per pedes. Vielleicht gehört auch deshalb die Führung entlang und durch
Frankfurts Hochhäuser zu seinen liebsten Touren.
Mit mehr als 40 verschiedenen Rundgängen im Repertoire ist der Stadtführer
etwa zweihundertfünfzigmal im Jahr in Frankfurt und Umgebung unterwegs.
Trotzdem gibt es auch für ihn immer noch Neuland zu entdecken. Gern läßt er
sich inspirieren wie im vergangenen Jahr, als sich eine Gruppe einen Rundgang
zum Thema "Frauen in Frankfurt" wünschte. Etwa sechs Monate lang, so Setzepfandt, habe er recherchiert. Dann konnte er
die Besucher auf die Spuren von Rosa Luxemburg, Anne Frank und der
Naturforscherin Maria Sibylla Merian führen.
1957 geboren, im Westend aufgewachsen - "Ich war ein furchtbar aufmüpfiger
Schüler" -, erinnert er sich noch gut an "die wilden Jahre" der Hausbesetzung.
Er hat erlebt, wie Frankfurt sich in den siebziger Jahren von der "kalten
Dienstleistungsstadt" zu einer Metropole mit reichem Kultur- und
Freizeitangebot entwickelte. Attraktiv genug, um den Kosmopoliten zum
Verweilen zu bewegen.
Nach einem dreimonatigen Aufenthalt in Indonesien und den zwei Jahren in
Kalifornien hat es den italienbegeisterten Setzepfandt
vom "großbürgerlichen" Westend ins Nordend gezogen. Das Straßenleben der
Mainstadt habe etwas Italienisches, findet er. In seinem Viertel lasse sich
das Frankfurter Dolce vita besonders gut genießen. "Das Tolle am Nordend ist,
daß es alles hat", schwärmt der Stadtführer, der das studentische Flair des
Stadtteils liebt. In seiner Wohnung mit Aussicht auf den Bethmann-Park kann er
sich nach einem Kurzbesuch in Berlin, das er viel zu hektisch, zu groß und zu
laut findet, erholen. Etwa bei den Chansons von Edith Piaf, die er verehrt.
Oder mit einem spannenden Schmöker in der Hand.
Der Sohn einer Philologin und eines Architekten liest leidenschaftlich gern
und ist dabei immer auf Recherche. Lion Feuchtwanger und Klaus Mann stehen
ganz oben auf seiner Bestenliste. Fasziniert ist er - wie könnte es anders
sein - von den historischen Romanen der Frankfurterin Nicola Hahn. Goethe
dagegen habe er nie wirklich gern gelesen, gibt
Setzepfandt zu. Trotzdem hat er den Werken des Dichters einige
Regalmeter im Arbeitszimmer eingeräumt. Gleich gegenüber den zahlreichen
Ordnern, in denen das Material der Themenführungen gesammelt ist.
Selbst Texte zu verfassen falle ihm schwer, behauptet der Autor mehrerer
Frankfurt-Führer und fügt augenzwinkernd hinzu: "Ich schwätz' lieber." Dabei
genügt schon der Blick in sein Buch "Geheimnisvolles Frankfurt", um dieses
Understatement zu widerlegen. Und sein nächstes Buch, eine Geschichte über
Schwule und Lesben in Frankfurt, geht voraussichtlich im Herbst in Druck.
SIBYLLE BAUMBACH
Hier einige Kommentare aus der Presse über
verschiedene meiner Veranstaltungen:
"Setzepfandts Anspruch ist Professionalität"
Frankfurter Neue Presse 05.01.1993
"..so lassen sich die historischen Fußabdrücke
entdecken". Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 31.10 1998
"Christian Setzepfandt der die Hochhäuser von
der ätherischer Warte aus betrachtete". events vom 04.01.1998
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Letzte Überarbeitung:
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